Nostalgie: Gartengolf

Gefunden auf http://www.wolkengeschichten.de , mit freundlicher Genehmigung des Autors Rolf Thum.

Jetzt ist er also verschwunden; nicht mehr da, weg!

Nein, nicht ganz weg; der Sockel vom Kassenhäuschen guckt noch aus dem Unkraut am Straßenrand heraus und auf dem neu angelegten Parkplatz stehen ganz unvermittelt ein paar alte Bäume, darunter ein gigantisches Nadelgewächs. Es nimmt mindestens zwei Stellplätze weg. Aber das Gewächs ist so imposant, dass es die Parkplatzbauer wohl nicht über's Herz brachen, die Baumsäge anzusetzen.

Der Wegweiser ist auch noch da: „Gartengolf" verkündet er. Doch sollte ein Unwissender jemals diesem Schild folgen, so findet er eben nur noch besagten Parkplatz, den Betonsockel und die Bäume; und dann ein weiteres Schild, welches darauf hinweist, dass es ein Gartengolf tatsächlich noch gibt: in Eppelheim und Schwetzingen, also draußen in der Provinz.

Unser Gartengolf dagegen lag in der Universitätsstadt, besser gesagt an deren Peripherie, gegenüber dem alten Kurpfälzer Tiergarten, der heute nur noch schlicht „Zoo" heißt. Nun ja, er ist ja heute auch nichts weiter als ein Zoo. Früher, als er noch der Tiergarten war, da war er was Besonderes: eine Ansammlung baufälliger Zwinger und schlammiger Gehege, mit einer Bärengrube (die heute, wohl denkmalgeschützt, immer noch existiert, aber von Stachelschweinen bewohnt wird) und einem Teich in Form des Bodensees, in der ein einsamer Seehund sein Dasein fristete; Löwen liefen in ihren winzigen Käfigen neurotisch hin und her, Affen hockten auf Betonfelsen und bewarfen sich gegenseitig mit ihren Exkrementen. Sonstige Markenzeichen: Fuchs- und Wildschweingeruch.

War der Tiergarten also eher ein Schandfleck der Universitätsstadt, so war der Golfplatz ihr Paradies! Ein Blumen- und Pflanzenparadies! Eben ein „Garten"-Golf! Natürlich war es kein „richtiger" Golfplatz; aber auch kein Mini-Golf. Mini-Golf, pha! Das wäre eine Beleidigung für diesen Platz gewesen! Mini-Golf, das sind Betonbahnen, krumm, verzogen und bemoost, mit unmöglichen Hindernissen. Hindernisse, die entweder immer; wirklich immer!; mit einem Schlag zu überwinden sind (es sei denn, der Spieler versuche es zum ersten Mal oder unter starkem Alkoholeinfluss) oder nie. Mini-Golf; das ist was für Touristen, Kinder, Kaffeefahrtler, allenfalls gelangweilte Kurgäste. Nein, Gartengolf ist, pardon, war anders. Gartengolf war etwas für Liebhaber, Spezialisten; Könner! Gartengolf hatte Flair, einen Hauch von Exklusivität, Snobismus. Gartengolf war Universitätsstadt! Professoren, Ärzte, Lehrer, Studenten, allenfalls noch Gymnasiasten - und feine Damen, tags im Sportdress, abends in besserer Gardarabe; zwischen Diner und Theaterbesuch; solche Leute spielten Gartengolf. Früher, vor 68.

Das Wort muss man sich auf der Zunge vergehen lassen: „G-a-r-t-e-n-g-o-l-f". Golf spielen im Garten. Wo gab es denn so was sonst noch? Die Anlagen in Eppelheim und Schwetzingen, aus der Feder des gleichen Gartenarchitekten, entstanden erst später. Und sie waren kleiner; zwar hier wie dort 18 Bahnen, darunter eine übers Gelände, fast wie beim richtigen Golf; aber nur bei der Anlage in Heidelberg hatte man bei dieser Bahn das Gefühl eines richtigen Weitschlages (sofern man ihn beherrschte).

Natürlich war in Heidelberg ein richtiger Gärtner beschäftigt. Er war ein mürrischer Mann, von allen respektiert und gefürchtet. Er hatte nicht nur die Aufgabe die unzähligen Blumenkübel zu bepflanzen und zu gießen, das Unkraut zu jäten, den Rasen zwischen den Bahnen nach zu sähen oder die Hecken zu stutzen. Nein, ihm oblag auch das Besprengen der Bahnen, wenn es zu lange nicht geregnet hatte. Denn die Bahnen waren mit rotem Aschesand bedeckt; dem gleichen, den man früher auf Sportplätzen verwendete (Aschenbahnen!). Wenn die Bahnen zu trocken waren, liefen die Bälle nicht gut. Deshalb musste der Gärtner immer wieder mal vorsichtig wässern. Umgekehrt musste er nach starken Regenfällen die Bahnen trocknen. Mit einem speziellen Lappen. Das war ein Ritual! Während er seiner Arbeit nachging, mussten die Spieler warten. Der Gärtner hatte das Privileg, jedem Spieler dazwischenzufunken; sei es um zu trocknen oder sei es um zu bewässern oder sei es auch, um die Bahnen auszubessern und mit einem extra dafür gefertigten Schieber glatt zu ziehen. Er konnte auch bestimmen, wenn gar nicht gespielt werden durfte. Wenn die Bahnen bei länger anhaltendem Schlechtwetter gar zu nass waren, zum Beispiel. Dann hieß es Spielpause; die Bahnen sind nass, kommen Sie heute Abend oder morgen Nachmittag wieder. Denn der Gärtner hatte Hausrecht. Er konnte sogar Platzverbot verhängen: Wenn sich jemand an seinen Blumen vergriff oder Zigarettenasche auf die Bahnen fallen ließ; oder wenn gar jemand auf den Bahnen herumtrampelte. Denn diese durften offiziell nicht betreten werden, was manchem Golfer, der dies allzu wörtlich nahm, zu grotesken Verrenkungen beim Spielen verleitete. „Schuhe mit spitzen Absätzen unerwünscht!", lautete außerdem der Spruch, der deutlich sichtbar auf einem Schild neben dem Eingang prangte. Nicht genug: „Die Spieler haften für die Schläger und Bälle". Wer sorglos damit umging, der musste damit rechnen, zur Kasse gebeten zu werden; und vom Platz zu fliegen.

Besitzerin der Anlage, so hieß es, sei eine adelige Dame gewesen. Ob diese ihren Platz jemals selbst betreten hatte, um nach dem Rechten zu sehen oder gar selbst zu spielen; ich weiß es nicht. Vielleicht war die Besitzerin ja eine der drei Damen, die die Kasse bedienten. Zwei waren mittleren Alters und wirkten recht autoritär; eine hatte sogar regelrecht Haare auf den Zähnen. Die konnten schon mal aus ihrem Kassenhäuschen herausschnellen und vor allem uns Jugendliche eines „anständigen Spieles" ermahnen. Oder jemanden, der eine zweite Runde antrat, ohne zu bezahlen, als Betrüger vorführen. Die dritte aber, die älteste von den Dreien, war liberal. Die drückte schon mal ein Auge zu, wenn wir uns nach der letzten Bahn am Kassenhaus vorbei schlichen und nochmals einen Durchgang in Angriff nahmen. Sie plauderte auch gern mit uns, fragte, wie das Spiel so lief, wie es in der Schule ging, was wir für Berufsziele hätten. Da wir wussten, wann „die liebe Alte" Dienst hatte, bevorzugten wir diese Tage. Wenn wir dann trotzdem eine der „Spinatwachteln" im Kassenhäuschen sitzen sahen; was mitunter vorkam, vielleicht weil sie getauscht hatten oder unsere Favoriten krank war; konnte es sein, dass wir, je nach Stimmung und Laune, wieder unverrichteter Dinge abzogen.

Mein erstes Spiel wagte ich mit ungefähr 13 Jahren. Es war an einem verregneten Tag und ich war mit dem Fahrrad durch die Felder gefahren, hatte vielleicht einen Abstecher im Kurpfälzer Tiergarten gemacht. Allein. Nun stand ich am Zaun des Golfplatzes und betrachtete die Bahnen. Wie so oft zuvor. Es war niemand auf dem Platz. Sollte ich es wagen? Es kostete Überwindung, das geheiligte Terrain zu betreten. „Das Spiel ist für Kinder unter 12 Jahren nicht gestattet", stand gleich neben dem Spruch, der sich gegen die spitzen Absätze wandte. Gut, ich war längst älter, aber ich sah damals noch sehr „grün" aus; man schätzte mich immer jünger ein. Ob man einen Ausweis zeigen musste, um sein Alter zu beweisen? Ich hatte keinen dabei. Ob man überhaupt allein spielen durfte? Ich stellte das Fahrrad an den Zaun, ging an das Kassenhaus und stellte die entscheidende Frage. Nein, nicht ob man mir die 13 Lebensjahre abkaufte, sondern ob man auch allein spielen durfte. „Aber ja doch!", war die Antwort. Ich zahlte den Schülertarif, vielleicht eine Mark, bekam einen Schläger (einen leichten „Silbernen"; die schwereren „Goldenen" sollte ich erst ein paar Jahre später ausprobieren dürfen), einen Ball (vermutlich noch keinen „Springer", denn solche verließen zu rasch die Bahn und verschwanden, nur noch schwer auffindbar, in den Büschen) und die berühmte „grüne Karte" nebst dem Bleistift, das an einer Wäscheklammer angebunden war (zum Festzwicken am Hosenbund oder, wenn ich eines gehabt hätte, am Jackett).

Diese „grüne Karte" war ein Mysterium. Auf ihrer Rückseite fanden sich die Spielregeln in zwei Sprachen: Deutsch und Englisch. Klar, Englisch musste sein! Der Tribut an die Universitätsstadt, an das Headquarter der Amerikanischen Streitkräfte, an die ausländischen Touristen, die sich zum Golfplatz verirren mochten. Auf der Vorderseite befanden sich vier Spalten zum Notieren der Punktzahlen; die Karte galt also für bis zu vier Spieler. Daneben wieder einige Ermahnungen: „Bahnen dürfen nicht übersprungen und nachgespielt werden."; „Bahnen nicht betreten." Und dann das Allermerkwürdigste: „Sieger; Winner; Gagnant", gefolgt von 4 feinen Linien, mit den Nummern 1 bis 4 davor. Hier konnte man also die Namen der Mitspieler verewigen. Doch was bedeutete dieses „Gagnant"? Während „Winner" auch einem des Englischen noch nicht Mächtigen (ich quälte mich damals mit Latein, später erst mit Englisch) eindeutig als Sprache der Angelsachsen ersichtlich war, blieb der „Gagnant" zunächst ein Rätsel. War das etwa Französisch? Wenn ja, warum war dann nur dieses eine Wort in jener Sprache abgedruckt und nicht die ganze Spielanleitung? Oder war dies vielleicht ein Spezialausdruck aus der Fachsprache der Golfer, einer Sprache, die zu beherrschen den höheren Weihen des Gartengolfs gleichkam, von denen ich Lichtjahre entfernt war? Ich las dieses Wort so, wie es geschrieben war: „Gag-nant". Und selbst später, als ich wusste, wie französische Wörter ausgesprochen werden, blieb dieses Wort der „Gag-nant". Es stellte sich heraus, dass nicht nur ich dieses Wort zunächst unbewusst und dann absichtlich falsch aussprach, sondern auch meine Schul- und Golffreunde. „Sieger; Winner; Gag-nant", das gehörte zum Gartengolf wie die drei Damen und der griesgrämige Gärtner.

Den Gärtner lernte ich bei meinem ersten Spiel noch nicht kennen. Wohl aber eines der Gesetze des Platzes und die Unerbittlichkeit der „Spinatwachteln". Die vier Rubriken auf der Golfkarte verleiteten mich, die Bahnen mehrfach zu spielen. Es war ja niemand auf dem Platz, dem ich dabei im Weg gewesen wäre. Doch bei Bahn drei angelangt, stand eine der besagte Dame neben mir und meinte mit freundlichen, aber bestimmtem Ton: „Spiel bitte jede Bahn nur einmal!" Was ich darauf auch tat … mit zittrigen Händen, darauf achtend, die Regeln nun ganz streng einzuhalten. Dafür aber erlaubte frau mir, die Bahnen zu betreten. Vorsichtig zwar und nur soweit als nötig. Es sei aber völlig unmöglich, gut zu spielen, wenn man dies nur von außerhalb versuche; da reiche ja mein Arm nicht aus! Außerdem, wie solle man den Ball wieder aus dem Loch herausholen, ohne auf der roten Asche zu stehen? Das Verbot, die Bahnen zu betreten, sei jedenfalls nicht so streng zu verstehen. Auf die Hindernisse dürfe ich jedoch unter keinen Umständen zu stehen kommen. Das verstand sich von selbst.

Meine erste Runde muss ein Fiasko gewesen sein! Ich wusste nicht, wie man den Schläger hält, wie fest man schlagen musste, wie es zu spielen galt, wenn sich hinter dem Hindernis ein zweiter Abschlag befand (das stand zwar in der Anleitung, wurde von mir aber ignoriert). Mehr als die erlaubten 7 Schläge tat ich mir aber nicht an. Wenn der Ball mit 7 nicht im Loch war, war's halt eine 8! Es waren gewiss ein halbes Dutzend 8en dabei und am Ende gar über 80 Punkte. Dazu kam eine Unterbrechung wegen eines Regengusses, den ich unter dem Vordach des Kassenhäuschens abwartete, die gestrenge Dame im Nacken. („Bist du nass geworden? Ach, die Bahnen stehen unter Wasser! Willst du trotzdem weiterspielen?") Danach hing ein würziger Geruch über dem Platz; der Dampf, der aus der Erde, den Aschenbahnen und den Pflanzen aufstieg, zauberte eine unwirkliche Atmosphäre herbei. Es war wie in einem fremden, exotischen Land, wo die Gerüche so ganz anders sind als zu Hause. Dies war vielleicht der Grund, warum ich später immer wieder auch bei regnerischem und kühlem Wetter gern auf den Platz kam. Dieser anheimelnde Geruch. Wenn dann vom Tiergarten gegenüber das Geschrei der Pfauen herüberschallte und in den angrenzenden Gärten Stare oder Krähen in den Bäumen oder Traubenspalieren lärmten, war die Romantik perfekt.

Ich erinnere mich nicht mehr, wann ich das erste Mal unter 80, unter 70 oder unter 60 Punkten spielte. Doch ich spielte oft, nicht immer allein, mehr und mehr mit meinen Schulfreunden, meinem Cousin oder gelegentlich auch mit meinem Vater. Letzterer ging mit mir auch einmal zu einem Spiel „unterm Flutlicht"; abends, nach Sonnenuntergang. Denn der Platz war im Sommer bis 22.00 Uhr geöffnet. Ich weiß noch, dass es gerammelt voll war und dass wir einen Klassenkameraden von mir trafen. Der war allerdings ein Schnösel, wir hatten sonst wenig Kontakt miteinander. Der Typ brüstete sich, ein „guter Golfer" zu sein und alle Tricks zu kennen. Er beobachtete mich mit geheucheltem Wohlwollen und gab immer wieder Kommentare zum Besten, die ich gar nicht hören wollte. Dazu kam, dass ich aufschreiben und addieren musste, eine Tätigkeit, die ich bei Anwesenheit des Vaters eh nicht gern machte, und schon gar nicht, wenn mir noch ein Besserwisser über die Schulter schaute. Kein Wunder, dass mir das „Flutlichtspiel" in unangenehmer Erinnerung blieb!

Mit meinem Cousin, der gut zwei Jahre jünger ist als ich, war das Spiel natürlich ungezwungener. Als ich ihn das erste Mal mitschleifte, gab es keine Probleme, beim zweiten Mal aber saß wieder eine der „Wachteln" an der Kasse und die ließ ihn ums Verrecken nicht auf den Platz: „Der ist noch keine 12…" Alle meine Beteuerungen, er sei schon 12 bzw. kurz davor (es fehlten ihm in der Tat noch 3 oder 4 Monate), fruchteten nichts. Die Prinzipien waren heilig, da mochte dem Platz eher das Geld von zwei Spielern entgehen, als dass diese „Hutschel" nachgegeben hätte. Ein paar Jahre später war von Altersbeschränkungen nicht mehr die Rede. Der Platz brauchte wohl jede Mark und so tummelte sich dann mehr und mehr jegliches „Grünzeug" auf dem einst so heiligen Terrain, darunter selbst Knödel, die kaum einen Schläger halten konnten und die mit ihren 10, 20 oder gar 30 Versuchen pro Bahn (die von den wohlwollenden Eltern natürlich nie gezählt wurden; „Schreiben wir mal 3 auf") den Spielbetrieb der Erwachsenen bis zum Gehtnichtmehr aufhielten.

Ich wurde mit der Zeit zum „Golfspezialisten". Irgendwann fiel die magische Grenze 50 und dann sogar die 40 (39; einmal und danach lange nicht wieder). Die Tanten an der Kasse, die mitunter fragten, wie es den so lief, waren beeindruckt. Doch ich war noch weit davon entfernt von jenen „Tagesbestleistungen", die an der großen Tafel neben dem Eingang aufgeschrieben wurden. Hier fand ich immer die gleichen Namen und dahinter legendäre, unerreichbare Punktzahlen: „Pfeiffer 32", „Berger 31", „Gude 29", „Breuer 27" usw. Wer sich hinter diesen „Profis" verbarg, blieb einem nicht lange verborgen. An den Nachmittagen oder den frühen Abendstunden waren sie immer anzutreffen, einige von Ihnen mitunter auch schon morgens. Es waren Rentner, Studenten, Berufstätige, vorwiegend Männer, und sie spielten; unabhängig vom Alter oder gesellschaftlichem Stand; stets miteinander. Sie hatten bei uns (meinen Schulfreunden und mir) ihre Spitznamen: Das Äffele, der Alte, der Fiese, der Struwwelige, dem Schorsch-sei-Alti, der Konditor … Bemerkenswert, dass diese „Dauergolfer" oft keine grünen Zettel ausfüllten und wenn sie aufschrieben, dann geschah dies in einem eigenartigen Code: -1, +1, 0, -2 usw. Gewertet wurde nämlich die Abweichung von einem Standardwert bzw. dem Schwierigkeitsgrad, der für jede Bahn angegeben war. Dieser reichte von 1 (die erste Bahn ohne jegliches Hindernis) bis 4 (Bahn 9, jene Bahn, bei der das Ziel auf einer Schrägen lag und das mit direktem Schlag getroffen werden musste). Wenn die Spezis dann über den Platz hechteten, oft Bahnen, bei denen sich andere Spieler verweilten, überspringend und diese dann irgendwann zwischendurch nachspielend (so ganz gegen die Regeln, aber die galten für die Dauergäste natürlich nicht), hörte man Sprüche wie: „Äns unner", „Schun widder äner iwwer", „Ach Gott, heit laaft's awer gar net, drei iwwer." Traf einer mit dem ersten Schlag ins Loch, hieß es: „Ass!" Geschah dies bei der 15. Bahn, jener mit dem Weitschlag über die Wiese, dann brüllte der ganze Trupp laut: „Ass! Ä Flasch Sekt!". Die wohl tatsächlich immer eingelöst wurde!

Nach ein oder zwei Runden hockte die „Legenden" dann vorn beim Kassenhäuschen auf den klapprigen Gartenstühlen und tranken ihr Bier oder Cola. Auch ich genehmigte mir dort mitunter ein kühles Getränk oder ein Eis (gab's selbstverständlich auch an der Kasse) und so kam es, dass mich einmal einer dieser Profis zu einer Runde mit ihm verleiten wollte. Es war der Struwwelige, ein junger Bursche, der; wie sich später herausstellen sollte; an der Uni Heidelberg Geographie studierte. Die anderen Golfer nannten ihn deshalb nur „den Professor". Ich war allerdings zu dieser Zeit knapp bei Kasse und hatte auch keine große Lust, mit dem Struwweligen über die Bahnen zu ziehen. Da verriet er mir ein Geheimnis: Man zahle sowieso immer nur die erste Runde. Wenn man frage, ob man eine zweite gratis spielen dürfe, sagten die Damen so gut wie nie nein. Vor allem die Ältere, die habe ein Herz für Schüler und Studenten. Und schließlich seien wir ja Stammkunden. Ich wagte es aber nicht, eine Gratisrunde zu erbetteln. Noch nicht; in späteren Jahren dann schon. Der Struwwelige fragte mich danach nie wieder, ob ich mit ihm eine Runde spielen wollte. So verpasste ich meinen Einstieg in die illustre Gesellschaft der „Dauergolfer".

Die „Profis" spielten übrigens damals fast alle noch mit den Schlägern und Bällen des Platzes. Bei den Bällen gab es zwei Sorten: die „normalen", wenig elastischen, für das gemeine Volk, und die schon erwähnten „Springer". Mit diesen gelang es mitunter, ein Ass dadurch zu erzielen, dass man den Ball über das Loch an die dahinter liegende Bande spielte, von wo er abprallte und dann „einlochte". Auch die schwierige Bahn 6, jene Kurve mit dem Tor dahinter, die beide mit direktem Schlag überwunden werden mussten (3 Versuche, wenn's nicht gelang, ging's mit einem Strafpunkt hinter dem Hindernis weiter), ging mit dem Springer besser zu bewältigen. Allerdings hatte der Springer auch seine Tücken: Er doppste gern aus dem Loch wieder heraus und er verließ die Bahnen häufiger als ein Nicht-Springer (was dann auch einen Strafpunkt bedeutete). Mit der Zeit legten sich die „Profis" eigene Bälle zu und irgendwann erschien dann ein Bursche mit dem berühmten Köfferchen, in dem 20 und mehr verschiedene, grell bunte Bälle auf ihren Einsatz warteten: solche, die hart und unelastisch waren wie Beton bis hin zu superweichen Flummies, die, einmal angespielt, gar nicht mehr aufhören wollten, von den Banden zurückzufedern. Spätestens von da an zog die Technik auch in das Gartengolf und gesellte sich gleichrangig zu Spielglück und Können. Denn auch die Schläger veränderten sich; mit den „Goldschlägern", die am Kassenhäuschen ausgegeben wurden, gaben sich die Platzhirsche nicht mehr zufrieden; wer etwas auf sich hielt, legte sich gleich eine ganze Batterie Schläger zu, geradezu wie die echten Profis auf den richtigen Golfplätzen.

Der Höhepunkt meiner Gartengolfkarriere war zweifellos meine Teilnahme an einem Tournier. Tourniere fanden an Sonntagen statt; der Platz war solange für die Allgemeinheit gesperrt. Um den Ausfall an Einnahmen zu kompensieren, knöpften die Platzbesitzer den Tournierteilnehmern nicht nur eine Tourniergebühr ab, sondern ließen sie für jede Runde auch noch zahlen. Wer die erste Runde mit weniger als 54 Punkten überstand; das waren wohl alle!; der „durfte" auch für die entscheidende zweite Runde nochmals blechen. Als Schüler tat mir dieser Griff in den Geldbeutel schon etwas weh. Dennoch; ich wollte es wissen, ich spielte mit. Ich war damals noch keine 18 und sicher der jüngste Teilnehmer. Wir wurden in Gruppen zu dreien oder vieren eingeteilt; ich kam in eine Juniorengruppe, wobei mir meine beiden Mitspieler; vermutlich Studenten; wie „bemooste Häupter" vorkamen. Wir starteten als eine der letzten, vor uns tummelten sich schon gut ein Dutzend anderer Gruppen auf dem Platz und ich beobachtete, wie ein „Ass" nach dem anderen geschlagen wurde, was meiner Selbstsicherheit kaum dienlich war. Entsprechend war dann mein Spiel. Schon bei Bahn eins eine Drei! Schändlich. Dann aber einige Zweien und auch bei der verflixten Bahn 6 mit der Kurve kein Strafpunkt. Bei der 8 aber, der Bahn mit den drei Wellen und dem Loch oben auf dem Kegel, da war es dann soweit: Eine Acht. Meine Mitspielte nahmen dies ohne große Kommentare zur Kenntnis, wie diese überhaupt kaum sprachen. Das machte mich noch nervöser und ich sah mich schon bei Bahn 9 (der schon erwähnten Bahn mit Schwierigkeitsgrad 4) hinausfliegen; zu allem Übel stand dort unter den „neutralen Aufpassern" auch noch kein geringerer als der Gärtner. Breitbeinig, die Arme in die Hüfte gestemmt, mit seinem säuerlichen Gesichtsausdruck, glotze er mich provozierend an, als wolle er sagen: Bürschtl, disch hab ich eh uff'm Kicker, pass bloß uff!

Doch wider Erwarten ging es von nun an besser. Bei der 9 eine Drei und dann wieder etliche Zweien. Ich schaffte gerade die Qualifikation für die zweite Runde, hatte in dieser keine Acht mehr, leider aber einige Fünfen und Sechsen, so dass mir am Ende der vorletzte Platz sicher war. Nur eine dickliche Frau war noch etwas schlechter. Da diese sich dann auch noch damit rühmte, erst das dritte Mal in ihrem Leben gespielt zu haben; wohingegen ich schon mindestens 2 Jahre fast jede Woche im Sommer mindestens einmal auf dem Platz war; empfand ich die Schmach doppelt so stark. Ich drückte mich im Hintergrund noch eine Weile herum, weil ich sehen wollte, wer denn gewonnen hätte. Es war der Konditor, einer der „Spezialisten". Zwei starke Männer packten ihn links und recht, hoben ihn hoch und trugen ihn unter großen Geschrei über den Platz. Danach gab der Sieger (Winner; Gagnant) einen aus und verschleuderte dabei sein Preisgeld. Ich aber stieg auf mein Fahrrad und radelte nach Hause. Mein Bedarf an Tournieren war gedeckt.

Dem Platz aber blieb ich treu. Jahrelang noch war ich regelmäßig dort, mal allein, mal mit Freunden, Freundin/Frau, Bekannten und Verwandten; selbst zur Studentenzeit, als ich meine „politischen Semester" durchlebte und alles „Bürgerliche" ablehnte, hing ich dem „kleinbürgerlichen Gartengolf" nach. Es kam mitunter sogar vor, dass ich auf der Tafel meinen Namen mit einer Tagesbestleistung verewigte - ich kam sogar an die magische Grenze von 30 Punkten heran. Von den „Profis" aber hielt ich mich nach wie vor fern, beobachtete lediglich deren Treiben aufmerksam aus der Ferne.

Doch dann kam der Wegzug aus Heidelberg. Gegolft wurde fortan auf fremden Plätzen, bevorzugt auf solchen mit Aschen- oder Kunststoffbahnen und mit möglichst bizarren Hindernissen (Windmühlen, Leuchttürmen, Wippen, Mickey-Mouse-Figuren etc.), einmal auch mitten in den Dünen im Sand und zwischen Dünengras, wo kaum ein Abschlag möglich war; so gut wie aber nie auf den „klassischen" Betonbahnen, denn diese zu verschmähen blieb ich mir als ehemaliger „Gartengolfer" schuldig.

Den Heidelberger Platz sah ich erst nach gut 20 Jahren wieder. Mittlerweile als Wahl-Hockenheimer spielte ich mit Frau und Kindern ab und zu in Schwetzingen oder Eppelheim, dann sogar in Hockenheim, wo anlässlich einer Gartenschau auch ein Golfplatz mit ähnlichen Bahnen wie in Heidelberg gebaut worden war. Eines Tages überkam es mich aber und ich sagte zu meiner Frau: „Komm, wir gehen mal wieder zum Golfen nach Heidelberg." Wir fanden den Platz recht verändert vor: nur noch wenige Blumen, der Rasen zwischen den Bahnen ziemlich zertrampelt, die Hecken nicht gestutzt. Dafür war dort, wo einst die Gartenstühle standen, vorn neben dem Kassenhäuschen, eine Überdachung angebracht, darunter standen Bierbänke und lange Tische. Hier hockten einige düstere Gestalten, schlürften ihr Bier, schienen nicht gerade am Golfspiel interessiert zu sein. An der Kasse saßen keine alten Ladies mehr, sondern ein etwas verwahrlost wirkender Mann undefinierbaren Alters. Als ich einen Springball verlangte, begann er zu zetern: Auf Sandbahnen spiele man nicht mit Springbällen! Sowas gäbe es bei ihm nicht! Meine Antwort, ich hätte hier immer mit „Springern" gespielt, konterte er damit, dass ich ihn wohl auf den Arm nehmen wolle; aber er gab mir dann doch einen der gewünschten Bälle. Doch schon bei Bahn 3 wusste ich, warum der Typ mir von den Springern abgeraten hatte: Die Bahnen waren derart ausgetreten, ihr Boden soweit unterhalb der Banden, dass die Bälle absolut unkontrolliert abprallten. Der Zustand der Bahnen war überhaupt ein Alptraum. Schrecklich vor allem die Bahn 4: Das einst aus Sandsteinen gemauerte Tunnel (einst mit Blumen gekrönt) war einem durchbohrten Betonklotz gewichen!

Und dann, ein Jahr später, erzählte mir jemand, der Platz werde geschlossen. Seit der Besitzer gewechselt habe, sei nichts mehr gelaufen. Keine Tourniere, keine Gartenpflege, nichts. Dafür sei das der Treffpunkt von Medizinstudenten und Assistenzärzten gewesen, die dort sommers ihr Bier gesoffen hätten; eine regelrechte Spelunke sei das gewesen, ein „Ort des Grauens". Es habe seitens anderer Golfplatzbesitzer den Versuch gegeben, den Platz zu übernehmen, man habe dem Besitzer Weiß-Gott-was-geboten, doch der spekulierte wohl eher damit, dass der Platz eh dem Unigelände weichen musste und verkaufte dann wohl am Ende an das Land? Wie auch immer; heute ist das Terrain ein Teil des großen Parkplatzes zwischen Zoo und der neuen Uniklinik. Heute ist das „Gartengolf Heidelberg" Geschichte.

Eines Tages aber, auf dem Platz in Eppelheim, da verspürte ich mich jäh in die Vergangenheit zurück versetzt. Es war an einem lauen Sommerabend, der Platz war gerammelt voll. Plötzlich hörte ich: „Ääns unner!" „Ach Gott noa, schun widder ääner iwwer!" „Ass! Boa, bei der 15, des gibt ä Flasch Sekt!" „Schnell, die 8 is frei, spiele mer mol schnell die 8 … dann weiter zur 16!" Ich sah einen Trupp älterer, teils dickbäuchiger Männer und ebenso dickbäuchiger Frauen, durchmischt mit zwei jungen Burschen (einer gerade mal in der Pubertät) über den Platz rennen, mit speziellen Schlägern auf ganz spezielle Bälle (dunkelblau, braun, rosa, gelb) eindreschen. Dann ließ sich der Trupp vorn, beim Kassenhäuschen, auf wackligen Gartenstühlen nieder, verweilte dort kurz bei Cola und Bier, fachsimpelte eine Weile („Mit'm Fufzischer kannsch doch die 7 net spiele, der nimmt zuviel Schnitt oa!") und sprang dann unvermittelt wieder auf; „Allaa, mol schnell noch ääner durschgezooge!" Aber nein, es waren nicht „meine Profis" von früher aus Heidelberg; jene mochten inzwischen wer weiß wo sein, einige vielleicht sogar in Altersheimen, einige vielleicht schon verstorben, aber sie hatten Nachkommen! Sie hatten ihre Sprüche und Rituale weitergegeben. Das Heidelberger Gartengolf lebte und lebt weiter!

 

Sommer 2005

 

Nachtrag: Liste der Bahnen

(zur Erinnerung an alle, die den Platz kannten; ich gebe zu, dass für die Nichtkenner, die Beschreibung nicht viel hergeben mag; alle Hindernisse aus rotem Sandstein)

1: ohne Hindernis

2: ein kleiner Graben, Zielloch auf einer Erhöhung („Gugelhupf" oder „Pudding" genannt); schwer

3: zu Beginn kleine Steigung mit Tor; sehr einfach

4: Tunnel; musste direkt mit einem Schlag überwunden werden; dahinter 2. Abschlag; wenn man es beim 3. Versuch nicht geschafft hatte, ging es beim 2. Abschlag mit Strafpunkt weiter; mittelschwer

5: Erstes Loch, eingerahmt von Blumenkästen; der 2. Teil der Bahn ca. einen Meter tiefer; mit 2. Abschlag; schwer

6. Kurve mit Tor; mit 2. Abschlag; sehr schwer

7. Wassergraben; mit 2. Abschlag; mittelschwer

8. Drei niedrige Hügel bzw. „Wellen"; Zielloch auf einem Kegel („Vulkan", „Venushügel"), schwer

9. Gerade Bahn ohne Hindernis, Zielloch aber auf einer Schräge; das Ziel musste mit direktem Schlag getroffen werden; sehr schwer („1 oder 8"). Die Bahn war doppelt angelegt, um den Spielfluss zu beschleunigen. Weitere Besonderheit: der Spieler musste nicht zum Loch vorlaufen, denn war der Ball eingelocht, rollte er unterirdisch durch ein Rohr zurück in einen Kasten neben dem Abschlag; den Kasten wiederum zog man an einer Stange heraus. Diese „Spielerleichterung" existierte später, zur Zeit des „Grauens" nicht mehr; das Rohr war zubetoniert.

10. Steilkurve links und rechts; relativ leicht

11. Schanze, dahinter Tor; 2. Abschlag; mittelschwer

12. Bahn ohne Hindernis, Loch aber auf einer Schräge, Bahn führt jedoch um diese Schräge herum; man spielte weiter, wo der Ball liegen blieb (mitunter hinter der Schräge, was dann zu verzwickten Manövern verleitete!); mittelschwer

13. Zickzack; durchaus möglich, mit direktem Schlag das Loch zu treffen; relativ leicht

14. Drei Tore; relativ leicht

15. Weitschlag über kleinen Wassergraben und über Wiese; mittelschwer, sofern man kein „Ass" machen wollte.

16. Drei gegeneinander versetzte Steinplatten; Loch auf einem „Gugelhupf"; schwer

17. Ähnlich Nummer 5, aber erster Teil der Bahn schräg; 2. Abschlag; recht schwer

18. Die letzte Bahn war eigentlich ohne Hindernis und recht leicht, denn jeder musste ins Loch treffen; denn von dort rollte der Ball ins Kassenhäuschen zurück. Die Bahn hatte den Umriss eines Pfeils, sie „zeigte" gewissermaßen hinaus!